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Die fabelhafte Welt der Bettina Wulff

12. September 2012

Berlin – „Bettina Wulff – ist das Politik oder Film?“ Der Buchverkäufer eines großen Berliner Medienkaufhauses ist am Dienstagmorgen mit der Frage nach dem Buch der ehemaligen First Lady überfordert. Ein gutes halbes Jahr nach dem Rücktritt von Christian Wulff als Bundespräsident ist seine Gattin öffentlich präsenter denn je.

PR-Frau Bettina Wulff zeigt sich bei Charity-Terminen, läßt sich für einen Kunden ihrer neuen PR-Agentur bei den Paralympics in London mit Prothesen ablichten, setzt sich mit Verve gegen Gerüchte über ein angebliches Vorleben im Rotlichtmilieu zur Wehr, die seit Monaten nicht nur im Internet kursieren.

Und nun ihr Buch „Jenseits des Protokolls“ – auch als Hörbuch erhältlich. Meint sie damit die Protokolle der Weisen von Zion oder die Protokolle der Weisen von Königsberg?

Die fabelhafte Welt der Bettina Wulff - Die rätselhafte Lady Viktoria aus dem Chateau Club in Hannover?

Die fabelhafte Welt der Bettina Wulff – Die rätselhafte Lady Viktoria aus dem Chateau Club in Hannover?

Auf mehr als 200 Seiten bilanziert die ehemalige First Lady ihr 38-jähriges Leben. Ihr Buch liest sich bisweilen kurzweilig, Anekdoten aus dem Leben einer Bundespräsidentengattin, die aufgrund des Amtes ihres Mannes für einige Monate eine Rolle in der Geschichte des Landes spielte. In lockerer und einfacher Sprache beschreibt sie ihr kompliziertes Lebens als Hausherrin von Bellevue. Das Buch ist auf vielen Seiten auch eine scharfe Abrechnung mit den Medien, denen sie vorwirft, mit dem Glück ihrer Familie, besonders ihrer zwei Kinder, mehr als nur gespielt zu haben.

 

Doch nun nutzen die gescholtenen Journalisten dem Verkauf ihres Buches.

 

Die Medienstrategie des PR-Profis Bettina Wulff geht bislang auf.

 

Deutsch: Begruessung von Papst Benedikt XVI. d...

Deutsch: Begruessung von Papst Benedikt XVI. durch Bundespräsident Christian Wulff und Frau Bettina Wulff vor dem Schloss Bellevue in Berlin (Photo credit: Wikipedia)

Die Bild-Zeitung druckte vorab Auszüge, der Focus titelt diese Woche mit den Wulffs, auch die englische BBC interessiert, was die Bundespräsidentengattin mit der kürzesten Zeit im Schloß Bellevue zu berichten weiß. Einem großen Buchhändler kam das Buch „aus Versehen“ am Wochenende und am Montag für einige Stunden in den Handel, dann galt ein Verkaufsverbot. Nach der Veröffentlichung folgen nun Interviews in diversen Zeitschriften – cleverer kann man sich fast nicht vermarkten.

 

Das PR-Handwerk hat die selbstbewusste Öffentlichkeitsarbeiterin als Pressesprecherin eines Reifenherstellers und als PR-Assistentin einer Drogeriekette gelernt. Auch als Fist Lady scheute sie die Kameras nicht.

 

„‚Mama, habt ihr gelogen?’…fragt mich mein Sohn Leander verunsichert und schiebt gleich hinterher: ‚das darf man doch nicht?'“

 

So steigt die Mutter zweier Jungen in ihr Buch ein. „Es ist Anfang Februar 2012 und ich merke, daß mir mein Leben aus den Händen gleitet. (…) Längst schon bin ich an meine Grenzen gekommen. Seit zwei, drei Wochen lasse ich das Radio ausgeschaltet und lege nur noch CDs ein, um so nicht schon wieder eine Nachricht über meinen Mann Christian Wulff zu hören und das, was er, auch was wir, angeblich Unrechtes getan haben sollen.“

 

Deutsch: Begruessung von Papst Benedikt XVI. d...

Deutsch: Begruessung von Papst Benedikt XVI. durch Bundespräsident Christian Wulff und Frau Bettina Wulff vor dem Schloss Bellevue in Berlin (Photo credit: Wikipedia)

Bettina Wulff verteidigt in dem Buch ihren Mann vehement, die Anschuldigungen der Justiz wehrt sie ab. Nur ihren Urlaub im Jahr 2010 im Anwesen des reichen Finanzunternehmers Carsten Maschmeyer auf Mallorca bezeichnet sie als „unglücklich“. Es wäre wohl besser gewesen, „den Reisekatalog zu wälzen“.

Doch seien sie und ihr Mann damals einfach „körperlich am Ende gewesen“ und hätten „einfach nur weg“ gewollt.

Auch der Anruf bei Bild-Chefredakteur Kai Diekmann sei „in Christians Position ein riesengroßer Fehler“ gewesen.

 

Über den jahrelangen engen Vertrauten ihres Mannes, Olaf Glaeseker, schreibt Bettina Wulff hingegen nichts.

 

Über die Zeit der Affäre berichtet Wulff von einem ständigen Belagerungszustand durch die Presse, einem unerträglichen Druck und einer Gereiztheit ihrerseits, da niemand mehr zwischen ihr und ihrem Mann unterschieden habe. Sie habe auch gemerkt, wie ihr Mann unter dem „ganzen Druck und Streß“ gar nicht gesehen hätte, wie sehr diese Situation das Familienleben belastete.

 

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Deutsch: Begruessung von Papst Benedikt XVI. durch Bundespräsident Christian Wulff und Frau Bettina Wulff vor dem Schloss Bellevue in Berlin (Photo credit: Wikipedia)

Dann aber kam Donnerstag, der 16. Februar 2012. Die Staatsanwaltschaft Hannover beantragte am Abend, die Immunität des Bundespräsidenten aufzuheben. „So traurig ich in diesem Moment war, denn zu akzeptieren, daß man in weiten Teilen einfach machtlos ist, so froh war ich: Endlich gab es eine Entscheidung“, schreibt Bettina Wulff im Kapitel „Der Rücktritt“. Sie beschreibt auch geradezu entwaffnend ehrlich, daß sie sehr genau überlegt habe, was sie bei der Verkündung des Rücktritts am Tag darauf anziehen sollte. „Mehr als bei allen anderen Events war mir dies wichtig. Es sollte etwas Schlichtes sein, nicht zu edel und aufgesetzt.“ Ihre Wahl sei dann auf ein klassisches, schwarzes Kostüm gefallen.

 

Christian Wulff trug am Freitagmorgen, dem 17. Februar 2012, die vorbereitete Erklärung vor. Bettina Wulff bilanziert den Moment nun folgendermaßen: „Ich hätte die Rede so kurz wie möglich gehalten, ich war es einfach leid.“ Daß sie sich noch einmal der Öffentlichkeit als Frau des Bundespräsidenten präsentierte, „habe ich in erster Linie für meinen Mann getan. Ganz bewußt aber stellte ich mich ein Stück weit entfernt von Christian, um so zu zeigen: Ich bin eine eigenständige selbstständige Frau“.

 

So selbstbewußt beendet sie auch ihr Buch: „Ich gehe in die Offensive und das tue ich nicht allein nur für mich und mein Ansehen.“ Sie mache das auch für ihre Familie und meine Freunde.

 

Deutsch: Der Bundespräsident Christian Wulff u...

Deutsch: Der Bundespräsident Christian Wulff und seine Frau Bettina Wulff auf dem Pariser Platz in Berlin (Photo credit: Wikipedia)

„Für meinen Mann, meine Eltern, meinen Bruder und vor allem für meine beiden Söhne.“

 

(Bettina Wulff mit Nicole Maibaum, „Jenseits des Protokolls“, Jenseits des Protokolls, riva Verlag, München, 223 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-86883-273-0)

 

 

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