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Prozessauftakt in Oslo: Der gespenstische Auftritt des Anders Behring Breivik … Prozessauftakt in Oslo: Der gespenstische Auftritt des Anders Behring Breivik

16. April 2012
Terje Breivik

Terje Breivik (Photo credit: NorskeVenstre)

Prozeßauftakt in Oslo: Der gespenstische Auftritt des Anders Behring Breivik … Ein Prozeß für die Opfer soll das Verfahren gegen Anders Behring Breivik in Norwegen sein. Doch zu Prozessbeginn zeigt sich: Der Massenmörder nutzt das Amtsgericht in Oslo vor allem als Bühne für sich selbst. Dieser Mann also hat 77 Tote auf dem Gewissen, 77 Menschen, die seiner Weltsicht zum Opfer fielen, und viele weitere mehr, die am 22. Juli 2011 verwundet wurden, körperlich oder seelisch. Für sie vor allem ist dieser Prozeß gedacht, der am Montag in Oslo begonnen hat, doch der Auftritt von Anders Behring Breivik macht deutlich: Es könnten harte zehn Wochen für Opfer und Angehörige werden. Wochen, in denen Breivik sie so verhöhnt wie an diesem ersten Prozesstag.Der 33-Jährige trägt einen dunklen Anzug mit weißem Hemd und goldockerfarbener Krawatte. Gleich zu Beginn, um 8.47 Uhr, lässt er keinen Zweifel daran, dass dieses Verfahren für ihn keine Strafe, sondern eine Bühne ist. Die rechte Hand ballt er zur Faust, streckt sie dann nach rechts vorne, in Richtung des Gerichts. Sie soll wohl Stolz symbolisieren, Kraft, Ehre.

Symbolkraft: Das Foto des Attentäters, die Faust geballt

Marit Breivik

Marit Breivik (Photo credit: Wikipedia)

Gleich zu Beginn also hat Breivik dafür gesorgt, dass er über die Bilder dieses Prozesses bestimmt, oder besser: das Bild dieses ersten Tages. Das Foto des Attentäters, die Faust geballt – kein Medium lässt sich diese Symbolkraft entgehen, weder online noch im Fernsehen, und wahrscheinlich auch nicht die Tageszeitungen am Dienstag.

Immer wieder zeigen Kameras den Angeklagten. Die Bilder werden übertragen in 17 Gerichtssäle in Norwegen, in denen Angehörige und Opfer den Prozess verfolgen, und auch in die ganze Welt. Die deutschen TV-Sender „N24“ und „n-tv“ sind live dabei. Breivik, so scheint es, fühlt sich wie ein Medienstar – und in gewissem Sinn ist er das ja tatsächlich.

„Ich erkenne keine juristische Schuld“

Anders Breivik Behring Attention Whore

Anders Breivik Behring Attention Whore (Photo credit: No Lulz)

Nur einmal an diesem Tag zeigt er Emotionen, sogar Rührung. Es ist der Moment, in dem sein Videoclip vorgeführt wird, ein krankhaftes Dokument seiner Weltsicht, das er vor den Anschlägen im Internet hochgeladen hatte. Dieses Machwerk also treibt ihm Tränen in die Augen, nicht die 77 Namen der Toten, die Staatsanwältin Inga Bejer-Engh vorher in einer beklemmenden Szene verlesen hat, mit allen Details: Name, Geburtstag, Todesort, Anzahl der Schussverletzungen, Todesursache. Und wenn Breivik spricht, ist auch das Hohn für die Opfer. „Ich erkenne an, die Straftaten begangen zu haben“, sagt er, „aber ich erkenne keine juristische Schuld, weil ich in Notwehr gehandelt habe.“

Deutsch: Staatsanwaltschaft München I - Dienst...

Deutsch: Staatsanwaltschaft München I - Dienstgebäude außen (Linprunstraße 25) (Photo credit: Wikipedia)

Die Ausführungen von Staatswältin Bejer-Engh verfolgt Breivik ebenso ungerührt wie die von Staatsanwalt Svein Holden, bis auf jenen Moment, in dem das Video gezeigt wird. Holden geht es darum, Einzelheiten aus dem Leben des Massenmörders zu zeigen, seine Mitgliedschaft bei den Tempelrittern, seine Wohnung, seine Waffen, seine „World of Warcraft“-Obsession, seine Bombenwerkstatt auf einem Bauernhof. Breivik dagegen geht es vor allem um seine Botschaft: Er erkenne das Gericht nicht an, hat er zu Beginn und dann später noch einmal gesagt. Schließlich habe das Gericht sein Mandat von Parteien erhalten, die den Multikulturalismus förderten.

Ist Breivik zurechnungsfähig – oder war er es nicht?

Deutsch: Das neue Opernhaus, Oslo, Norwegen. E...

Deutsch: Das neue Opernhaus, Oslo, Norwegen. English: Bulding of Opera in Oslo by night (Photo credit: Wikipedia)

Der Staatsanwaltschaft will Breivik wegen Terrorakten zu 21 Jahren verurteilen und ihn anschließend psychiatrisch wegschließen lassen. Es wird in den zehn Wochen, die für den Prozess angesetzt sind, vor allem um die Frage seiner geistigen Gesundheit gehen. War Breivik zurechnungsfähig – oder war er es nicht? Zwei Gutachten widersprechen sich in diesem Punkt.

Dass alles dürfte schwer zu ertragen sein für die noch lebenden Opfer, deren Angehörigen und die Verwandten der Toten. In der Prozesspause am Mittag bricht ein junges Mädchen zusammen. Für sie wie für alle anderen dürften die kommenden Verhandlungstage schwer werden. Fünf Tage hat das Gericht für Breivik reserviert, damit der seine Taten begründen kann, fünf Tage, die zeigen sollen, ob er zurechnungsfähig ist. Fünf Tage, die durchaus für die Stärke und Souveränität eines Rechtsstaats stehen. Fünf Tage aber auch, die Breivik als Bühne nutzen wird – wie schon am ersten Prozesstag.
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