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Fehler machen einsam in der Politik: Christian von Boetticher nach seinem Rücktritt als Landesvorsitzender und Spitzenkandidat

16. August 2011

Keiner will etwas gewusst, niemand etwas geahnt haben. In der Nord-Union herrscht Fassungslosigkeit über Boettichers Liebesgeschichte mit einer 16-Jährigen.

Mit 28 EU-Abgeordneter, mit 34 Landesminister, mit 38 Chef der CDU-Landtagsfraktion in Kiel – blitzschnell ist Christian von Boetticher die politische Karriereleiter hochgeklettert.

Christian von Boetticher - Ein Politiker in der Facebook-Falle wegen "Lolitag8"

Christian von Boetticher - Ein Politiker in der Facebook-Falle wegen "Lolitag8"

Mir tut es leid um ihn.“ Peter Harry Carstensen ist tief getroffen vom politischen Ende seines Ziehsohns Christian von Boetticher. Carstensen hatte sich einen würdevollen Abschied aus der Politik ausgemalt, einen Rückzug, auf den er ebenso stolz sein wollte wie auf seine unterm Strich gelungene Amtszeit als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein.

Der Kronprinz hat es ihm verdorben. „Er ist ein exzellenter Politiker, das bleibt“, sagt Carstensen im NDR.

Als Politiker über den Privatmann gestolpert

Der Politiker Boetticher ist über den Privatmann Boetticher gestolpert. Nachdem die Liebesgeschichte mit einer 16 Jahre alten Düsseldorferin bekannt wurde, stellte er den Landesvorsitz und die Spitzenkandidatur für die im Mai nächsten Jahres anstehende Landtagswahl am Sonntagabend zur Verfügung.

Auch vom Amt als Fraktionsvorsitzender im Landtag ist Boetticher jetzt zurückgetreten. Er wolle weiteren Schaden von sich, seinem Umfeld und seiner Fraktion abwenden, sagte er in Kiel. „Der mediale Druck der vergangenen 48 Stunden, der Menschen, die ich schützen möchte, schwer belastet, macht es mir unmöglich, diese Erklärung persönlich am Dienstag vor der Fraktion abzugeben.“ Sein Abgeordnetenmandat wird er wohl behalten. Sonst würde die schwarz-gelbe Koalition ihre Mehrheit von einer Stimme verlieren. Der Schaden für die CDU ist schon groß genug.

„Es gibt Dinge, die macht man einfach nicht“

Es herrscht Fassungslosigkeit in der Nord-Union. Keiner will etwas gewusst, niemand etwas geahnt haben. Aber: „Es gibt unabhängig von einer rechtlichen Bewertung Dinge, die macht man einfach nicht. Ein solches Verhalten bewerten die Menschen als problematisch“, sagte der stellvertretende CDU-Landesvorsitzende Ingbert Liebing „Welt Online“.

Der schnelle Rückzug sei richtig gewesen. Nun sei es wichtig, nicht überstürzt, aber doch geordnet und zügig die Nachfolge zu regeln. Zum Nachfolger als Parteivorsitzender und Spitzenkandidat dürfte Dienstag Jost de Jager nominiert werden. Erste Sondierungsgespräche der Partei wiesen eindeutig in diese Richtung. Andere Namen wurden nicht genannt. De Jager ließ durchblicken, dass er für beide Posten zur Verfügung stehe.

Wer hat Boettichers Liebesleben in die Öffentlichkeit gebracht?

Die CDU demonstriert Handlungsfähigkeit. Es ist dies auch der Versuch, wenig Raum für gefährliche Fragen zu lassen. Etwa die: Wer hat Boettichers Liebesleben in die Öffentlichkeit gebracht? „Eine gezielte Intrige schließe ich aus“, gibt sich Ingbert Liebing sicher. Die CDU soll nicht wieder in jene Abgründe von Skandal und Verrat abtauchen, aus denen sie sich unter Carstensen mühsam erhoben hat.

Aber natürlich war es nicht die Liebesaffäre mit einem Teenager allein, die im Landesvorstand verhandelt wurde. Es schwang auch das Gefühl mit, dass in der CDU doch wieder eine Schmutzkampagne losgetreten werden sollte – um Boetticher unmöglich zu machen.

Nach Informationen von „Welt Online“ lag dem Kreisverband Plön der E-Mail-Verkehr zwischen Boetticher und seiner Geliebten vor. Dies wurde auch in der Partei verbreitet. Man kann ermessen, welch Erpressungspotenzial in diesen privaten Dokumenten ruht. Das Material, so heißt es in der Union, sei von der 16-Jährigen weitergereicht worden, nachdem ihr Boetticher Anfang diesen Jahres erneut erklärt habe, dass er den Kontakt zu ihr nicht mehr aufrechterhalten möchte.

Rache eines CDU-Politikers?

Das Mädchen selbst bestätigt diese Version nicht. Im „Kölner Express“ stellt sie die Vermutung an, dass beider Verhältnis bekannt geworden sei, weil sich jemand an dem CDU-Politiker rächen wollte. Und sie nahm Boetticher in Schutz. „Es war Liebe. Ich kann bis heute nichts Schlechtes über Christian sagen. Schließlich steckt hinter dem Politiker auch nur ein Mensch mit Gefühlen.“

Ihrem ersten Treffen im Steigenberger Hotel in Düsseldorf seien Hunderte Mails und SMS vorausgegangen.

Während der Affäre mit der 16-Jährigen und danach hielt Boetticher seine Beziehung zu seiner langjährigen Partnerin aufrecht. Zuletzt hieß es, er wolle die 34-Jährige heiraten.

Boetticher, so sagt es ein Vertrauter, saß in einer Falle, aus der er sich nicht mehr befreien konnte. Egal, was er tat, immer hätte es Menschen geben, die sein Verhalten für mehr oder weniger kritikwürdig gehalten hätten. Jene, die ein Verhältnis zwischen einem 40-Jährigen und einer 16-Jährigen per se ablehnen.

Jene, die es anstößig fanden, dass er die 16-Jährige am Ende sitzenließ, womöglich, um seine Karriere nicht zu gefährden. Da gab es eigentlich keine Möglichkeit außer dem Rückzug.

Erstaunlich, dass Boetticher glaubte, er könne seine Position retten

Umso erstaunlicher, dass Boetticher am Sonntag immer noch in dem Glauben zur Krisensitzung des CDU-Landesvorstands erschien, er könne seine Position retten. Die versammelten Vorstandsmitglieder, so ein Teilnehmer, mussten ihm erst einmal auseinandersetzen, dass es für ihn nur noch einen Weg gab.

„Christian von Boetticher war eines der hoffnungsvollen Talente der jüngeren Generation in der CDU“, sagt Ingbert Liebing. Nicht nur im Norden, auch in Berlin hatte man Boetticher auf der Rechnung. Spätestens mit seinem Eintreten für die Wehrpflicht hatte er ein Thema für sich gefunden, das ihn exponierte.

Boetticher war in der Bundespolitik und in der CDU keiner, der bereits angekommen war, aber ein Hoffnungsträger allemal. Sein Verlust wiegt schwer.

„Für konservative Werte steht und stand die Partei“

Gekonnt wusste er Habitus und Erscheinung zu nutzen, um sich als Konservativer darzustellen. „Für konservative Werte steht und stand die Partei, und das werden wir noch stärker herausarbeiten müssen“, war einer seiner ersten Sätze, nachdem klar war, dass er Carstensen als Landesvorsitzender beerben würde.

Selbst wenn das Bild des stramm Konservativen immer schief war, weil Boettichers Standpunkte etwa bei der Atomenergie nicht dem vermeintlich konservativen Grundkonsens entsprachen: Das, was man in ihm sah, zählte. CDU-Vorsitzende Angela Merkel hat wieder eine mögliche Identifikationsfigur der heimatlos gewordenen Konservativen in der Union verloren. Sie zog es vor, nichts zu sagen.

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