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Der „Irre von Oslo“: Seine Kirche soll ein Schwert sein

11. August 2011
Super Bowl XXIII

Image via Wikipedia

War Anders Breivik ein christlicher Fundamentalist? Ein Gespräch mit der katholischen Theologin Saskia Wendel.

DIE ZEIT: Frau Wendel, Sie sind Expertin für Religiosität in der Spätmoderne. Das Problem des Fanatismus dürfte Ihnen vertraut sein. Was hat Sie beim Lesen von Anders Breiviks Hassbibel überrascht?

Saskia Wendel: Dass der Attentäter sich durchaus einige Kenntnisse der Philosophie und der Geschichte des Islam angelesen hat. Das sind nicht alles nur wirre Tiraden. Er beschäftigt sich mit den Kreuzzügen, dem Verhältnis von Christentum und Islam, auch mit der Funktion der katholischen Kirche. Er benutzt sie, um eine europäische Identität zu konstruieren.

DIE ZEIT: Warum haben Sie das Manifest gelesen? Manche Leute sagen, man sollte es totschweigen.

Wendel: Ich finde es politisch falsch, Gefährdungspotenziale zu tabuisieren. Das betrifft auch solche religiösen Legitimationsversuche.

DIE ZEIT: Ist Anders Breivik ein christlicher Fundamentalist?

Saskia Wendel

46, ist Professorin für katholische Theologie in Köln. Zuletzt erschien von ihr das Standardwerk Religionsphilosophie (Reclam).

Wendel: Ja und nein. Einerseits bezeichnet er sich als nicht religiös, andererseits nimmt er das Christentum in Anspruch, um sein Handeln zu legitimieren. Er hat ein ganz klar christlich aufgeladenes Weltbild und misst der katholischen Kirche die Funktion zu, Schwert im sogenannten Kampf um Europa zu sein. Er sagt, der Papst wäre das schärfste Schwert, wenn er denn richtig funktionieren würde.

DIE ZEIT: Wie sieht Breiviks ideale Kirche aus?

Wendel: Er fordert nicht nur eine Revitalisierung des Christentums, sondern auch eine konservative Revolution der katholischen Kirche. Er will die Öffnungen, die das Zweite Vatikanum in den sechziger Jahren vollzogen hat, rückgängig machen und den alten Exklusivismus ins Recht setzen. Extra ecclesiam nulla salus: Die katholische Kirche ist die einzig wahre Kirche. Er kritisiert ihr Bekenntnis zur Religionsfreiheit und die Öffnung zum Islam.

DIE ZEIT: Damit steht er aber nicht allein.

Wendel: Nein, das sind klassische Topoi des katholischen Traditionalismus. Breivik hat zutiefst antimoderne Einstellungen etwa zur Abtreibung, zur Empfängnisverhütung, zur Geschlechtergerechtigkeit. Deshalb polemisiert er auch gegen Frauenordination und gegen die Anerkennung von Homosexualität durch die Kirche. Er lobt den Reichtum der Liturgie und die apostolische Sukzession, setzt die Autorität des katholischen Lehramtes gegen beliebige Deutungen der Schrift und betont die Unfehlbarkeit des Papstes.

DIE ZEIT: Und was hat er gegen den amtierenden Papst?

Wendel: Der Papst soll nach Meinung des Attentäters ein crusader pope sein, der zum Kreuzzug aufruft. Da würde Benedikt XVI. versagen, findet Breivik. Im Übrigen hält er alle Päpste seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, also seit Johannes XXIII., für illegitim.

DIE ZEIT: Was ist Konservatismus, was Fundamentalismus?

Wendel: Konservative Katholiken, die viele von Breiviks Ansichten teilen, sind deshalb noch keine Fundamentalisten. Aber es gibt durchaus eine fließende Grenze. Mit Furcht vor Freiheit und Pluralität fängt es an, und wenn dann noch ein überzogenes Sendungsbewusstsein ins Spiel kommt, wenn das staatliche Gewaltmonopol nicht mehr anerkannt wird, wenn aus religiösen Überzeugungen direkt politische Forderungen abgeleitet werden – dann wird die Grenze zum Fundamentalismus überschritten. Bei bestimmten traditionalistischen Gruppierungen in der katholischen Kirche gibt es womöglich auch antidemokratische Einstellungen. Sollte hier ein Gewaltpotenzial entstehen, muss der Staat seine Schutzfunktion erfüllen. Das sind dann keine rein innerkirchlichen Angelegenheiten mehr.

DIE ZEIT: Ist der Papst ein Fundamentalist?

Wendel: Nein! Er ist kein Fundamentalist, er ist ein sehr konservativer Katholik mit Positionen in Kirchenverständnis und Morallehre, die ich kritisiere. Aber er ist immer noch Joseph Ratzinger, der das Zweite Vatikanum maßgeblich beeinflusst hat.

DIE ZEIT: Sie selbst gehören zu den Modernisierern innerhalb Ihrer Kirche und haben 2011 das Reformpapier der deutschen katholischen Theologen mit initiiert. Der Attentäter inszeniert sich als Gralshüter eines rein christlichen Europa. Hat es je existiert?

Wendel: Nur als Mythos. Breivik braucht für seine aggressive Identitätspolitik eine große europäische Metaerzählung. Um die zu entlarven, muss man nur an das von ihm in Anspruch genommene Mittelalter erinnern: Die Scholastik wäre undenkbar ohne islamische Philosophen und Theologen, die den vergessenen Aristoteles zurück in den Westen brachten. Oder das Wissen der Mauren, das sich von Andalusien aus verbreitete. Übrigens gab es im Mittelalter auch christliche »interreligiöse« Schriften, zum Beispiel von Nikolaus Cusanus und Petrus Abaelardus. Christliche Theologie war nie nur monolithisch und auf sich selbst bezogen.

DIE ZEIT: Wie wichtig ist das Christentum für Europa?

Wendel: Natürlich prägt es unsere Identität, unsere Ethik und unsere politischen Überzeugungen. Aber wir Christen müssen uns endlich damit abfinden, dass wir in einer pluralen Gesellschaft leben. Damit ist unser Glaube einer unter vielen.

DIE ZEIT: Halten Sie das fundamentalistische Manifest des Attentäters für gefährlich?

Wendel: Ja, wegen der Halbwahrheiten und der Missachtung anderer Meinungen. Zwar geht jede Religion mit Letztgültigkeitsansprüchen einher. Wer das leugnet, lügt sich in die Tasche. Wenn ich glaube, in Jesus von Nazareth hat sich Gott gezeigt, dann glaube ich auch, dass diese Überzeugung überall gilt. Problematisch wird es aber, wenn ich keine Überzeugungen neben meiner eigenen dulde. Christen können natürlich Toleranz üben. In der Theologie spricht man von einer inklusivistischen Position. Inklusivismus heißt, nicht auszuschließen, dass es auch in anderen Religionen Wege zu Gott und zum Heil gibt. Glaube ist kein Wissen. Diese Differenz ist entscheidend. Breivik leugnet sie.

DIE ZEIT: Wo hat Breivik recht?

Wendel: Wenn er sagt, das Christentum sei politisch. Aber andere zu töten widerspricht dem Beispiel Jesu. Andere zu unterstützen und an der Seite der Schwachen zu stehen, das ist christlich. Breivik lehnt das explizit ab. Die Kirche müsse das »ganze linke Zeug« aufgeben: keine Option für die Armen, kein Engagement in Asylfragen, kein Pazifismus.

DIE ZEIT: Haben Sie Verständnis dafür, dass manche Christen jetzt sagen, Breivik sei kein Christ?

Wendel: Ja, aber ich halte diese Position für naiv. Die Kirchengeschichte zeigt, dass es immer Christen gab, die im Namen des Seelenheils oder der Rettung der Welt mordeten. Wer christlichen Fundamentalismus tabuisiert, der leistet dem Irrtum Vorschub, religiösen Terror gebe es nur im Islam.

DIE ZEIT: Bei christlichem Fundamentalismus denken wir sonst an die Evangelikalen in den USA.

Wendel: Der Bibelbelt ist nur die eine Seite. Diese Leute, die vor Abtreibungskliniken demonstrieren, sind nicht das Gefährlichste. Religiösen Wertetraditionalismus in die Sphäre der Politik zu übertragen und wie Breivik die katholische Kirche wegen ihrer hierarchischen Struktur zu feiern, das ist fatal. Denken Sie an Carl Schmitt, der die katholische Kirche als Modell für die politische Form des Nationalsozialismus reklamierte.

DIE ZEIT: Wovor fürchten Sie sich heute?

Wendel: Vor einem Konglomerat aus antimodernen, antiliberalen und antidemokratischen Affekten. Bestimmten traditionalistischen Katholiken geht es nicht nur um Christentum als Bollwerk gegen den Zeitgeist, sondern um Kirche als Beispiel für die Struktur von Staat und Gesellschaft.

DIE ZEIT: Breivik glaubt, viele Christen dächten wie er.

Wendel: Ich hoffe doch, er irrt sich.

DIE ZEIT: Sehen Sie in Europa derzeit einen bewaffneten christlichen Fundamentalismus?

Wendel: Nein. Aber es gibt auch einen Fundamentalismus der Köpfe und Herzen.

DIE ZEIT: Wir streiten, ob der Islam eine Schwertreligion oder eine Friedensreligion sei, dieselbe sinnlose Debatte ließe sich fürs Christentum führen.

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Wendel: Aus christlicher Perspektive ist Gewalt nie gerechtfertigt. Die berühmte Bibelstelle »Ich bringe euch nicht den Frieden, sondern das Schwert« ist kein Kriegsaufruf, aber sie wurde dazu benutzt. Da gab es Waffensegnungen für Gott, König, Vaterland. Patriotismus mit religiöser Soße drüber ist nicht Breiviks Erfindung. Der heilige Bernhard von Clairvaux hat im übrigen nicht nur wunderbare Hoheliedpredigten, sondern leider auch grauenvolle Kreuzzugspredigten geschrieben.

DIE ZEIT: Ist kriegerischer Messianismus unausrottbar?

Wendel: Vielleicht gehört diese Gefährdung zum Menschen. Ich würde aber nicht sämtliche Erlösungsansprüche unter Generalverdacht stellen. Es gibt eine tiefe menschliche Sehnsucht, dass alles heil und versöhnt wird. Wenn wir diese Hoffnung aufgeben, ersticken wir im Status quo.

DIE ZEIT: Würden Sie selbst einen Niedergang des Christentums beklagen?

Wendel: Ich beklage ihn im Bereich des Diakonischen. Wenn solidarisches Handeln weiter erodiert, verschwindet etwas Wesentliches aus unserer Gesellschaft. Es ist die Aufgabe von uns Christen, Flagge zu zeigen – aber anders, als Herr Breivik meint.

DIE ZEIT: Breivik ist ein Apokalyptiker, der die Welt heilen will, indem er sie zerstört. Enthält das Christentum ein Gegengift zu solchem Fanatismus?

Wendel: Natürlich. Erstens die Botschaft von der unbedingten Liebe Gottes. Zweitens die Praxis Jesu, die in Versöhnung und Gewaltverzicht besteht.

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