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Soziologe Paul Bagguley (Universität Leeds) erforscht Protestbewegungen

10. August 2011

„Wir erleben einen Aufruhr der Konsumgesellschaft“ – Der Soziologe Paul Bagguley von der Universität Leeds erforscht Protestbewegungen und die Soziologie der britischen Städte.

Riotous Citizens by Paul Bagguley and Yasmin Hussain

Riotous Citizens by Paul Bagguley and Yasmin Hussain

Was sind das für Menschen, die in London randalieren und plündern?

Paul Bagguley: Generell sind es junge Menschen aus armen Verhältnissen, doch die Masse ist klar zweigeteilt. Einerseits gibt es diejenigen, die sich Straßenschlachten mit der Polizei liefern. Das sind vor allem junge Männer. Andererseits gibt es die Plünderer, das sind auch Frauen und Kinder. Hier ist das gefühlte Risiko viel geringer.

Was treibt sie auf die Straße?

Paul Bagguley: An erster Stelle ist da die Wut über das Fehlverhalten der Polizei. Als Mark Duggan von Polizisten erschossen wurde, informierte die Polizei seine Familie nicht über die Umstände seines Todes. Eigentlich sind sie dazu verpflichtet. Die Wut über diese gefühlte Ungerechtigkeit war der Auslöser der Proteste. Doch danach spielte sicherlich auch die Möglichkeit, sich durch Plünderungen zu bereichern, eine Rolle.

Besteht ein Zusammenhang zwischen den Unruhen und der britischen Wirtschaftskrise?

Paul Bagguley: Die Krise ist nicht der einzige Auslöser der Unruhen, aber ein entscheidender Teil des Kontexts. Wir erleben hier einen Aufruhr der Konsumgesellschaft. Die Plünderer sind Arbeitslose und Menschen mit geringem Einkommen. Fast alle haben deutlich weniger reales Einkommen als noch vor ein paar Jahren. Gleichzeitig leben sie in einer Welt, in der immer neue, teure Elektronikprodukte wie Laptops und Flachbildfernseher als unerlässliche Teile des Lebens betrachtet werden. Hier haben sie die Möglichkeit, sich etwas zu holen, was sie sich sonst nicht leisten können.

Haben die Randalierer eine politische Agenda?

Paul Bagguley: Nein. Aber die Unruhen sind dennoch ein Ausdruck der Unzufriedenheit mit der Politik. Die Menschen vertrauen ihren gewählten Vertretern nicht mehr. Aus ihrer Sicht bilden sie eine kleine Elite, die keinerlei Interesse an den Problemen der Bürger hat.

Ist diese Entfremdung ein neues Phänomen?

Paul Bagguley: Es gibt sie schon länger, aber in den vergangenen Jahren ist sie den Menschen stärker bewusst geworden. Ich kann mich an kein Regierungskabinett in den vergangenen 50 Jahren erinnern, das elitärer war als das jetzige. Alle Minister kommen aus gutem Hause und waren an Eliteuniversitäten. Viele Bürger fühlen sich durch sie nicht repräsentiert. Der Skandal um News International und die Rolle der Politik hat diese Entfremdung dramatisch verstärkt.

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