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Straßenschlachten in London

8. August 2011

Straßenschlachten in London: Der Hass der Jugendgruppen

Die gewaltsamen Ausschreitungen in London haben sich von Tottenham auf weitere Stadtteile ausgedehnt und dauern an. Die als soziale Revolte beschriebene Eskalation der Gewalt ufert gnadenlos aus. Auch in Israel gehen die werktätigen Massen auf die Straße und protestieren gegen Sozialabbau.

Dicke Rauchschwaden: Im Londoner Stadtteil Tottenham ist es in der Nacht zum Sonntag zu schweren Ausschreitungen gekommen

Dicke Rauchschwaden: Im Londoner Stadtteil Tottenham ist es in der Nacht zum Sonntag zu schweren Ausschreitungen gekommen

Die Brandstifter und Plünderer bevorzugten logischerweise Turnschuhe, Computerspiele und Flachbildschirme. Was in der Nacht zu Sonntag mit einem Protest gegen den Tod des jungen Mannes Mark Duggan aus dem Londoner Norden begonnen hatte, endete in den frühen Morgenstunden am Montag in einer Orgie des Klauens und Zerstörens.

London hat am Wochenende gebrannt, und die Bilder von schilderbewehrten Polizisten und brüllenden Massen erinnern an die Ausschreitungen in den 80er Jahren, als sich Londoner Stadtteile wie Brixton und Tottenham und Toxteth in Liverpool für Tage in Feindesland verwandelten. Hunderte Häuser wurden damals abgefackelt, dutzende Menschen verletzt. Es gab Todesopfer.

Doch damals explodierte der Hass ganzer Stadtteile, ja ganzer Bevölkerungsgruppen auf die Polizei und die herrschende Klasse. Junge schwarze Einwanderer, die bei jeder Autofahrt fürchten mussten, von rassistischen Polizisten eingesammelt, eingesperrt und misshandelt zu werden, wehrten sich. Die Wut auf der Straße veränderte die britische Polizei, die sich nach Vorwürfen der Diskriminierung intern reformierte. Und auch die Stadtteile selber änderten sich: die Bewohner wurden politisch aktiv, sie schickten eigene Vertreter in die Parteien und Parlamente. Die Probleme der sozialen Benachteiligung wurden angegangen.

Bis heute, so scheint es. Doch etwas ist anders: Es sind nicht ganze Londoner Vororte, die sich im Protest und in der Gewalt zusammenfinden. Es scheint eine ganz bestimmte, sehr bekannte Gruppe von Menschen zu sein, die nun einen Vorfall nutzt, um einmal richtig auf den Putz zu hauen. Und dabei auch noch ein paar neue Schuhe und einen großen Fernseher fürs Zuhause mitzunehmen.

In der vergangenen Woche starb Marc Duggan im Nord-Londoner Vorort Tottenham, getroffen von einer Polizeikugel. Der anschließende Protest seiner Familie und Freunde eskalierte in der Nacht zum Samstag in Gewalt und Brandschatzung. Duggan war kein Unbekannter, so sagt es die Polizei. Er hatte eine Pistole dabei, als die Polizei ihn stoppte. Auch, wenn noch nicht klar ist, ob er selber geschossen hat: die Polizei hielt ihn für einen Kriminellen, involviert in Drogenhandel und Gewalt. Er soll Teil einer der Jugendgangs sein, die sich in Tottenham bekriegen. In London sterben in den vergangenen Jahren immer wieder Schulkinder, weil sie mit der falschen, fremden Schuluniform die falschen Straßen betreten haben. Jugendliche sterben hier, weil andere Teenager ihr Revier schützen wollen.

Geplündert und verbrannt wurde nun in den Stadtvierteln, die bekannt sind für Gewalt unter eben diesen Jugendgruppen. Seit Jahren versucht die Londoner Polizei, Sozialarbeiter und Politiker dieser Gewalt Herr zu werden. Das Tragen von Messern wurde unter Strafe gestellt. Angehörige von Mordopfern appellieren an Familien, ihre Söhne unter Kontrolle zu halten. Es galt schon als Erfolg, wenn nicht mehr Dutzende, sondern nur eine Handvoll Teenager in London in einem Jahr an Messerstichen starben.

Es scheinen diese Jugendgruppen zu sein, die ihre Fehde begraben haben für ein paar Stunden – um gegen den noch größeren Feind, die Polizei, zu kämpfen. Mit Hilfe ihrer BlackBerry-Mobiltelefone sollen sie sich zum gemeinsamen Plündern verabredet haben: Zeitungen wie der Guardian veröffentlichen Text-Botschaften, die einen Waffenstillstand anmahnen und Vorsicht vor „snitches“, Spitzeln für die Polizei.

Scotland Yard scheint überfordert. In den vergangenen zwei Nächten konnten die wenigen Beamten sich selbst und ihre Autos schützen, der Zerstörung vieler Einzelhandelsgeschäfte mussten sie aber hilflos zuschauen. Heute wurden Einsätzkräfte aus dem gesamten Umland nach London gebracht, in Erwartung der Nacht. In Hackney, im Osten Londons, wurden schon am frühen Abend die ersten Plünderer gemeldet. Es ist die dritte Nacht in Folge und der fünfte Stadtteil der britischen Metropole, der im Chaos zu versinken droht.

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