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Nur abwärts – Schuldenkrise in den USA

7. August 2011
New York Stock Exchange on Wall Street in New ...

Image via Wikipedia

Es kann nur abwärts gehen

Die Ratingagentur Standard & Poor’s urteilt mit ihrer Abwertung nicht nur über die Schulden der USA. Die Agentur reagiert auf das politische Chaos. Stürzt der Markt am Montag auf breiter Front ein?

Der Knockout kam nach Börsenschluss.

Die Händler der New York Stock Exchange hatten den neoklassizistischen Finanztempel an der Wall Street gerade hinter sich gelassen, viele saßen beim Feierabendbier, da schlug Standard & Poor’s zu. Die Ratingagentur stufte die Bonität der US-Kredite ab und beendete – zumindest vorerst – den Nimbus der USA als Weltmacht im globalen Finanzgeflecht.

Händler am New York Stock Exchange. Quelle: Foto: dpa
Händler am New York Stock Exchange. – Foto: dpa

Man hätte es ahnen können. Schon Stunden vorher, im mittäglichen Handel am Freitag, hatte ein Gerücht über eine mögliche Herabstufung einige der größten Werte im Dow Jones Index auf ihr Tagestief geschickt. Der Markt erholte sich, tat den drohenden Schlag als Panikmache ab.

Glück für die Börse. Hätte Standard & Poor’s mit seiner historischen Abwertung – Amerikas AAA-Rating hatte seit dem Zweiten Weltkrieg nie zur Debatte gestanden – nicht bis nach der Schlussglocke gewartet, wäre es noch vor dem Wochenende zu Panikverkäufen gekommen. Die Zurückhaltung der Kreditwächter gab Investoren zumindest die Chance, die Lage über zwei handelsfreie Tage zu analysieren, erst im Montagshandel können die Märkte reagieren.

Fest steht: Es kann in den nächsten Tagen nur abwärts gehen. Die Abstufung der US-Kredite ist ein schwerer Schlag für ein Land in der Krise. Steuerten die USA schon vorher auf eine Rezession zu, dürfte diese jetzt unvermeidbar sein. Mit einem Misstrauensvotum hat Standard & Poor’s dafür gesorgt, dass neue Kredite für Amerika teuer werden, dabei zahlt man jetzt schon rund eine halbe Billion Dollar Zinsen pro Jahr, den größten Teil davon an China und Japan.

Entsprechend versuchte das Weiße Haus am Freitag noch, das harsche Urteil der Agentur abzuwenden. Der US-Rechnungshof monierte schnell, dass sich die Prüfer um zwei Billionen Dollar verrechnet hatten. „Ein Bericht, der auf einen Zwei-Billionen-Dollar-Fehler aufbaut, spricht für sich selbst“, kritisierte man – ohne Erfolg. Denn klar ist, dass die Verschuldung gemessen am Bruttoinlandsprodukt in den nächsten Jahren steigen wird. Zum anderen bewertete Standard & Poor’s nicht nur die Schulden.

Die Ratingagentur reagiert mit ihrem Schritt auch generell auf das Polit-Theater in Washington, wo ein heillos zerstrittener Kongress das Land spaltet und in den letzten Wochen bis auf die letzte Minute an einem Schuldenkompromiss feilte. Unfähig die Schuldendecke rasch anzuheben und international Vertrauen in die Zahlungsfähig der USA zu bringen, riskierten vor allem die Republikaner einen Staatsbankrott – dafür bekommen sie jetzt die Quittung.

Standard & Poor’s gehen die Einsparungen der Regierung nicht weit genug, und die radikale Aversion der Republikaner, die Steuern anzuheben und die Staatseinnahmen auf ein solides Fundament zu heben, taten ein übriges.

Doch auch Präsident Barack Obama trifft Schuld an der Abstufung. Er hatte es in der Hand, die Welt im Alleingang von der Kreditwürdigkeit seines Landes zu überzeugen. Der 14. Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung schreibt vor, dass „die Bonität aller Kredite der Vereinigten Staaten (…) nicht in Frage gestellt werden“ dürfen. Experten sahen in diesem Artikel eine Vollmacht für den Präsidenten, die Schuldendecke im Alleingang außer Kraft zu setzen. Alt-Präsident Bill Clinton riet seinem Nachfolger dazu, und auch Fraktionssprecherin Nancy Pelosi unterstützte eine solche Strategie. Allein, Obama wollte nicht und verließ sich lieber darauf „dass John Boehner und die Republikaner fair verhandeln“ würden – was unwahrscheinlich schien angesichts der Politik der letzten drei Jahre.

Ein Alleingang des Weißen Hauses hätte Standard & Poor’s sicher beeindruckt. Nun aber ist Obama der erste Präsident, auf dessen Führungszeugnis eine Abwertung der Bonität steht – ein Umstand, der ihn im Wahlkampf enorm belasten dürfte. Den meisten Wählern ist es egal, dass selbst Standard & Poor’s den Ursprung der Kreditkrise nicht bei Obama sieht, sondern bei seinem Amtsvorgänger George W. Bush, der von Bill Clinton immerhin einen Haushaltsüberschuss geerbt hatte. Bush begann zwei Kriege und setzte gleichzeitig massive Steuersenkungen durch – historisch so einmalig wie unverantwortlich. Die USA häuften in kürzester Zeit einen Schuldenberg in Billionenhöhe an.

Politiker begannen sofort nach der Abstufung, sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben. Anleger unterdessen dürften sich ihre Strategie für die neue Handelswoche zurechtgelegt haben. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird die Wall Street am Montag unter Verkaufsdruck kommen. Fraglich ist aber, ob der Markt auf breiter Front einstürzen wird, oder ob einzelne Branchen als sichere Häfen angefahren werden. Konsumgüter wie Procter & Gamble, die Pharmazeuten oder Aktien mit sicherer Dividende könnten nachgefragt sein. Im Kurstaumel der letzten Tage war den Anlegern nicht einmal Gold als Alternative recht.

Chart-Techniker haben über das Wochenende ihre Kurstafeln und Rechner herausgeholt. Alan Valdes, Parkettchef von DME Securities, sieht zwei Unterstützungslinien für den Dow Jones: bei 10 800 und bei 10 100 Punkten – beide sieht er schon am Montag in Gefahr. „Wenn wir unter 10 100 Punkte fallen, sind die Grenzen nach unten offen“, meint Valdes.

Während sich Experten nun über die beste Strategie nach der Abstufung stritten, gab es von allen Seiten Kritik an Standard & Poor’s, unter anderem von Nobelpreisträger Paul Krugman. Der wettert, dass wohl kaum jemand so unqualifiziert für die Einschätzung von Kreditrisiken sei wie die Ratingagenturen, die schon in der Finanzkrise auf Kritik stießen. Standard & Poor’s hatte, ebenso wie die Konkurrenten Moody’s und Fitch, wertlose Hypothekenanlagen im Auftrag der Banken mit Bestnoten versehen und damit Subprime-Anlagen als Investmentvehikel ermöglicht. Seither wurde immer wieder gefordert, die Ratingagenturen komplett aufzulösen.

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